Anfang Januar, tiefster Winter. Ich sitze auf dem Ansitz, das Rehwild steht ruhig – dann ein Schuss. Der Bock liegt sofort im Feuer. Sauberer Treffer, klare Situation. Doch die Geschichte endet dort nicht.
Schon vor dem Bergen des Stücks zeigt meine Wärmebildkamera eine weitere, entfernte Hitzequelle. Nahe einer Kanzel. Ich schenke dem Moment wenig Beachtung – zu klar scheint der Schussverlauf gewesen zu sein.
Doch irgendetwas lässt mich nach dem Bergen des Rehbocks dieser Spur nachgehen. Und tatsächlich: Ich finde die Kugel. Sie steckt – wie festgefressen – in der Holzwand einer Kanzel.
Das Erstaunliche: Kein sichtbarer Kugelriss am Boden. Das Geschoss muss also im Wildkörper nach oben abgegangen und dort ausgetreten sein, um dann in weitem Bogen in die Kanzel einzuschlagen.
Zum Glück saß dort niemand. Wir jagen stets mit klarem Sicherheitsbereich, mindestens 500 Meter pro Schütze, vor allem bei Sammelansitzen. Doch dieser Moment war eine leise, eindrückliche Erinnerung daran, dass selbst ein perfekter Schuss in der Praxis einen anderen Weg nehmen kann als erwartet.

Meine Kugel – mein Fundstück
Ich habe sie aufgehoben. Die verirrte Kugel. Nicht aus Stolz, sondern aus Respekt. Sie liegt jetzt auf meinem Schreibtisch. Als Erinnerung. Als Zeichen dafür, dass wir niemals zu routiniert oder sicher sein sollten, um das Wesentliche aus den Augen zu verlieren: Verantwortung.